Volkssolidarität


Brandenburg
19.07.2019

Nachruf auf Prof. Gunnar Winkler

Die Volkssolidarität hat ihren Ehrenpräsidenten verloren. Am Vormittag des 18. Juli erreichte mich die Nachricht vom Tod eines in der Volkssolidarität seit mehr als 50 Jahren engagierten Menschen. Vielen Mitgliedern unseres Sozialverbandes ist er gut bekannt, schließlich wirkte er fast eineinhalb Jahrzehnte als Vizepräsident und über 10 Jahre als Präsident des Verbandes. Ende 2013 zwang ihn seine Erkrankung, das Ehrenamt als Präsident des Verbandes abzugeben. 2014 wurde Gunnar Winkler zum Ehrenpräsidenten der Volkssolidarität gewählt.

Persönlich kennengelernt habe ich Gunnar erst 2014 in einem Gespräch zu meiner Kandidatur. Gesehen hatten wir uns schon lange vorher, Anfang der 90er Jahre, und bekannt waren mir einige Schriften aus den 80er Jahren. Zu diesem Zeitpunkt leitete er das Institut für Soziologie und Sozialpolitik der Akademie der Wissenschaften der DDR. Dessen Untersuchungsergebnisse aus der zweiten Hälfte der 80er Jahre publizierte er erst im vorletzten Jahr, die Führung der SED hatte sie zwar zur Kenntnis genommen, aber dann im Panzerschrank verschlossen und nach 1990 interessierte sie erst einmal keinen mehr. „Was die Bürger denken“, war aber auch in der Bundesrepublik – unter ganz anderen gesellschaftlichen Verhältnissen – eine ihn treibende Frage seiner wissenschaftlichen Arbeit.

Sein Institut an der AdW war, wie auch andere abgewickelt worden. Für Gunnar Winkler war das kein Grund, seine wissenschaftlichen Fragestellungen fallen zu lassen. Der Prozess der Herstellung der Deutschen Einheit mit dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik bot ja gerade Soziologinnen und Soziologen sowie Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern eine Fülle von Material. Gunnar Winkler gründete mit früheren Kollegen 1991 das Sozialwissenschaftliche Forschungszentrum Berlin-Brandenburg. Sein spezielles Interesse galt der Entwicklung von Auffassungen von Bürgerinnen und Bürgern in den sogenannten neuen Bundesländern. Und über 20 Jahre gelang es ihm, vor allem Dank der Unterstützung durch die Volkssolidarität, eine einzigartige Datensammlung zu generieren, die wichtige Richtungen und Richtungsänderungen in der Bewertung der Gestaltung der deutschen Einheit durch die Menschen in den neuen Bundesländern widerspiegelt. 2016 hat Gunnar Winkler in einem Symposium zu seinem 85. Geburtstag die Ergebnisse der jahrzehntelangen Befassung mit der sozialen Lage von Menschen und deren eigener Bewertung zusammengefasst und vorgetragen. Zuvor hatte er in einem Abschlussband die Vielzahl der Sozialreporte und Seniorenreporte, die er im Auftrag der Volkssolidarität publiziert hatte, zusammengefasst.

Was hat ihn bis ins hohe Lebensalter angetrieben, den soziologischen und sozialen Fragen in den neuen Bundesländern nachzuspüren?
Ich sehe dafür Gründe, die in seiner Biographie liegen. Gunnar Winkler, in Hamburg geboren und in Sachsen aufgewachsen, hat nach dem Krieg als Hauer und Steiger im Uranbergbau gearbeitet. Er wurde von der Wismut an die Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten (ABF) geschickt und die damit gegebene Möglichkeit zu studieren und wissenschaftlich zu arbeiten, packte er mit beiden Händen. Daraus resultierte auch ein besonderes Verhältnis zur DDR. Dankbarkeit einerseits und kritische Reflexion der gesellschaftlichen Entwicklung andererseits.

Seit 1963 war Gunnar Winkler Mitglied der Volkssolidarität. Die Wahl zum Vizepräsidenten Anfang der 90er Jahre hatte auch für seine wissenschaftliche Arbeit Folgen. Die Volkssolidarität als der ostdeutsche Sozial- und Wohlfahrtsverband war gefordert, Interessen zu vertreten. Wissenschaftliche Arbeit war zur Fundierung sozialpolitischer Artikulation notwendig. Wissenschaftliche Expertisen für den Verband und für die Kooperationspartner waren Grundlage, um in den sozialpolitischen Auseinandersetzungen der letzten 30 Jahre bestehen zu können – ja überhaupt Gehör zu finden. Im Gegensatz zu vielen sozialpolitischen Akteuren, auch in den linken Parteien, war Gunnar Winkler überzeugt davon, dass die 40jährige Existenz der DDR viel tiefere Spuren hinterlassen hat als gemeinhin angenommen und der Einigungsprozess selbst sich in das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft in den ostdeutschen Ländern, vor allem als Deligitimation von Lebensentwürfen und Entwertung von Lebensleistungen, einbrennen wird. Dabei war er in keiner Weise nostalgisch gesinnt. Sozialist war er und ist er geblieben. Der Schritt zum demokratischen Sozialisten mag für ihn 1989 nicht so groß gewesen sein wie für andere, gegangen ist er ihn konsequent.

Gunnar Winkler hat die Volkssolidarität entscheidend mitgeprägt und umgekehrt. Bis in seine letzten Lebensmonate hinein beschäftigte ihn die Entwicklung des Verbandes, den er fast 30 Jahre mitgestaltete. Auf vieles konnte er stolz sein,

  • dass die Mitglieder der Vereinnahmung durch „westdeutsche“ Verbände entgegengetreten waren,
  • dass viele Mitglieder ihrer Volkssolidarität die Treue hielten,
  • dass sich Verbände und Gliederungen sozialwirtschaftlich gut aufstellten,
  • dass profunde Stellungnahmen zu sozialpolitisch relevanten Themen erarbeitet wurden,
  • dass sich die Volkssolidarität über lange Zeit mobilisierungsfähig und sozialpolitisch durchsetzungsfähig erwies.

Zugleich sah er die Prozesse von Fragmentierung und Abgrenzung, der Konzentration von Verbänden auf die Sozialwirtschaft, die Schwierigkeiten, die Einheitlichkeit des Verbandes immer wieder neu herzustellen.

Mir hat Gunnar Winkler mit seinen Wertungen, seinen dialektischen Überlegungen sehr geholfen, in seine Nachfolge zu treten. Er hat stabile Verbindungen zum Paritätischen Gesamtverband und zu Sozialverbänden und Gewerkschaften aufgebaut. Auf dem von ihm wesentlich mitgestalteten Fundament eines engagierten, kompetenten und erfolgreichen Sozial- und Wohlfahrtsverbandes lässt es sich gut weiterarbeiten. Und dennoch wird er dem Verband fehlen. Als Berater, als Wissenschaftler und vor allem als humorvoller Mensch mit einer großen humanistischen Bildung.  Er wird vor allem seiner Frau Vera, seinen Töchtern und den Enkeln fehlen. Seine Familie hat ihn auch über schwere Zeiten getragen. Für sie ist der Tod von Gunnar ein Verlust, zu dem wir unsere tiefe Anteilnahme ausdrücken und versprechen, sein Andenken in der Volkssolidarität zu wahren.