Volkssolidarität


Brandenburg

Deutschlands Altenheimen fehlen über 100.000 Pflegekräfte

Gutachten beziffert Pflegenotstand

Die Altenpflegeheime in Deutschland brauchen rund 120.000 zusätzliche Pfleger/-innen, um eine adäquate Versorgung ihrer Bewohner/-innen zu gewährleisten. Zu diesem Fazit kommt das Gutachten eines Forscherteams um Prof. Heinz Rothgang von der Universität Bremen, welches am 25. Februar in Berlin vorgestellt wurde.

Hohe Belastungen durch Unterbesetzung

Im Rahmen des Forschungsprojekts wurde erstmals ein wissenschaftlich fundiertes Verfahren zur Ermittlung des Personalschlüssels in Pflegeheimen entwickelt. Die Pflegeexpert/-innen kommen zu dem Ergebnis, dass die Anzahl der dort beschäftigten Pflegekräfte von aktuell rund 320.000 auf etwa 440.000 steigen müsse. Hierdurch entstünden Mehrkosten von etwa 4 Mrd. Euro. Gegenwärtig sei ein großer Teil der Pfleger/-innen durch die Mehrarbeit, die durch die strukturelle Unterbesetzung entsteht, körperlich und emotional sehr belastet. Dies führe zu längeren und häufigeren Zeiten der Arbeitsunfähigkeit sowie zur beruflichen Umorientierung vieler Pflegekräfte, so das Gutachten.

Besonders hoher Mangel bei Assistenzkräften

Für die Bewohner/-innen der Pflegeheime schlage sich der Personalmangel in Qualitätseinbußen bei der Betreuung und somit letztlich in der Lebensqualität nieder. Angesichts des durch den demografischen Wandel ansteigenden Pflegebedarfs müssen sich die Arbeitsbedingungen in der Heimpflege spürbar verbessern. Die Wissenschaftler/-innen schlagen vor, das Verhältnis von Einwohner/-in je Pflegekraft von aktuell 2,5 auf 1,8 zu reduzieren. Ferner kommen die Forscher zu der Erkenntnis, dass viele Pflegefachkräfte Leistungen erbringen, die auch von Hilfs- und Assistenzkräften übernommen werden könnten. Entsprechend sei der Personalbedarf für die letztgenannten Berufsgruppen besonders hoch.    

Pflegeberufe müssen attraktiver werden

Die Arbeitsbedingungen in der Pflege werden von vielen jungen Menschen als wenig attraktiv wahrgenommen, entsprechend entscheiden sie sich für andere Berufe. In der Folge scheiden regelmäßig mehr Pfleger/-innen aus dem Beruf aus, als nachkommen. Für das verbleibende Personal verdichtet sich das Arbeitspensum. Die Bundesvereinigung der Arbeitsgeber in der Pflege (BVAP) wurde im Juni dieses Jahres mit dem Ziel ins Leben gerufen, einen repräsentativen, bundesweit gültigen Tarifvertrag für die Pflege mit den Gewerkschaften auszuhandeln. Der Bundesverband der Volkssolidarität hat die BVAP mitgegründet, um an diesen Verhandlungen beteiligt zu sein.

Pflegebedürftigkeit darf kein Armutsrisiko sein

Dennoch gilt es zu beachten, dass aufgrund der Struktur der Pflegeversicherung als Teilleistungssystem die Mehrkosten, die durch bessere Personalschlüssel und höhere Entgelte in der Pflege entstehen, vollständig von den Pflegeheimbewohner/-innen getragen werden müssten. Bereits jetzt übersteigen die Kosten für einen Pflegeplatz den Höchstleistungsbetrag der Pflegeversicherung im bundesdeutschen Durchschnitt um etwa 2.000 Euro. Diese Mehrkosten müssen von den Pflegebedürftigen selbst aufgebracht werden. Für immer mehr Menschen reichen die Alterseinkünfte hierfür nicht aus. Für Sie bedeutet der Bedarf nach stationärer Pflege, für den Rest ihres Lebens auf Sozialhilfe angewiesen zu sein. Daher ist es nötig, die Pflegeversicherung längerfristig zu einer Vollversicherung analog zur Krankenversicherung umzubauen. Die hierdurch resultierende Erhöhung des Beitragssatzes ließe sich durch eine Abschaffung des dualen Systems der Pflegeversicherung, also der Einführung einer Bürgerversicherung für alle, auf ein Minimum begrenzen.

Veranstaltungshinweis: Der Pflegefachtag der Volkssolidarität am 22. April 2020 widmet sich der Gewinnung und Bindung von Personal. Infos zu Programm und Anmeldung finden Sie hier.