Volkssolidarität


Detailseite

Foto: Isaak M. Shiferaw

Umgang mit Vorurteilen und Ausgrenzung in der pädagogischen Arbeit

Fachtag der Volkssolidarität am 25. November 2019

In Zusammenarbeit mit dem Projekt „Beratung gegen Rechts“ des Paritätischen Gesamtverbandes veranstaltete die Volkssolidarität Bundesverband e.V. am 25. November 2019 einen Fachtag, um mit Expert*innen, pädagogischen Fachkräften aller Couleur sowie Vertreter*innen anderer Träger*innen und Verbände über den Umgang mit vorverurteilenden, ausgrenzenden und stereotypisierenden Äußerungen und Verhaltensweisen im Kontext pädagogischer Arbeit zu diskutieren.

Der Präsident der Volkssolidarität, Dr. Wolfram Friedersdorff, wies in seiner Eröffnungsrede darauf hin, dass gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit eine neue Qualität und Quantität erreicht hätten, die auch durch gesellschaftliche Entwicklungen und den Vormarsch der AfD gespeist würde. Es sei wichtig, Konzepte zu entwickeln und zu verbreiten, die diesen menschenfeindlichen Verhaltensweisen begegnen und brauchbare Hilfestellungen dafür geben, was konkret jede*r einzelne tun kann, um auf ausgrenzendes Verhalten zu reagieren.

Rechtsextremismus und Rechtspopulismus

Hamid Mohseni von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) erörterte in seinem Impulsvortrag Merkmale des Rechtsextremismus‘ und Rechtspopulismus‘ in Deutschland. Rechtextremismus sei dabei in erster Linie als Gesellschaftsbild zu verstehen, in dem einer Menschengruppe eine höhere Wertigkeit zugesprochen werde als einer anderen. In rechtspopulistischer Argumentation stehe dabei einem i.d.R. weißen, heterosexuellen, wertechristlichen und traditionell verhafteten „Wir“ immer ein minderwertiges „Die“ gegenüber. Mohseni verwies auf den zunehmenden Einfluss rechter Netzwerke in den sozialen Medien und beschrieb rechtsextreme Strategien, wie die mediale Diskursverschiebung, die vermehrte Wortergreifung, verbale Einschüchterungen und Angriffe politischer Gegner*innen sowie die Inszenierung vermeintlicher Neutralität und einer Opferrolle in der Öffentlichkeit. Die MBR empfiehlt als Handlungsstrategie in ihren Beratungsangeboten vor allem eine klare Positionierung gegen Rechts auf Grundlage der Deutschen Gesetzgebung. In Institutionen aller Art brauche es zudem diskriminierungsfreie Räume. Wichtig sei dabei ein proaktives Verhalten, um einem rein reaktiven Handeln zuvorzukommen.

Umgang mit diskriminierenden und rechtsextremen Äußerungen

Eva Prausner vom Projekt „ElternStärken“ setzte sich mit der Frage des Umgangs mit ausgrenzenden und diskriminierenden Äußerungen und Verhaltensweisen in pädagogischen Einrichtungen auseinander. Die „Grenzen des Sagbaren“ würden sich auch in diesem Arbeitsfeld zunehmen verschieben. Frau Prausner betonte dabei, dass Meinungsfreiheit niemandem das Recht gebe, sein Gegenüber zu diskriminieren. Dies schließe allein schon Art. 2 der Menschenrechtserklärung (Verbot der Diskriminierung) aus. Jede Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe müsse sich die Frage stellen, welche Veränderungen notwendig sind, damit alle Kinder sich dort abgebildet fühlten. Gleichzeitig gebe es einen klaren Auftrag, Kinder und Jugendliche vor Ausgrenzung und Diskriminierung zu schützen. Grundlage dafür seien neben den Menschen- und Kinderrechten vor allem eine konsequente und selbstkritische (berufs-)ethische Reflexion, der Bezug auf die Grundprinzipien unseres Rechtsstaates sowie dessen Werte und Normen. Dazu gehöre auch die Unantastbarkeit der menschlichen Würde und das Recht auf freie Entfaltung und Gleichwertigkeit aller Menschen. Frau Prausner betonte, wie wichtig es sei, dass diskriminierende und ausgrenzende Äußerungen und Verhaltensweisen von Kindern, Jugendlichen, Eltern und/oder Kolleg*innen keinesfalls verharmlost und normalisiert werden dürften.

Praxis-Workshops

Im Workshop „Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung als inklusives Praxiskonzept“ stellte Dr. Miriam Anne Geoffroy von der „Fachstelle Kinderwelten für vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung“ des Instituts für den Situationsansatz (ISTA) Materialien für die vorurteilsbewusste Arbeit mit Kindern vor, darunter verschiedene Spiele und Bücher zur Bewusstmachung von Stereotypen und der Sichtbarmachung von Vielfalt. Inklusion, so Dr. Geoffroy, sei nur die logische Konsequenz des Rechts aller Kinder auf Bildung. Vorurteilsbewusstes und -sensibles Handeln sei deshalb eine elementare Grundkompetenz aller Pädagog*innen.

Eva Prausner ging es in ihrem Workshop zur den „Herausforderungen der pädagogischen Arbeit mit Eltern und Kindern“ um die Auseinandersetzung mit konkreten Situationen aus der praktischen Arbeit. Als pädagogische Fachkraft sei es wesentlich, transparent zu handeln, klar Position zu beziehen bzw. zu verteidigen. Entscheidend sei das Recht auf die Freiheit der Kinder, selbst zu entscheiden, mit wem und womit sie spielen wollen. Diese Freiheit müsse jede pädagogische Fachkraft unterstützen und verteidigen.

Lena Mahler vom Archiv der Jugendkultur e.V. setzte sich in ihrem Workshop „Umgang mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) in der Jugend- und Sozialarbeit“ mit den konkreten Praxisbeispielen der Teilnehmenden auseinander. Hier zeigten sich die Frustration und Hilflosigkeit vieler Teilnehmer*innen angesichts extremer Haltungen und Ansichten von Kindern, Jugendlichen und Kolleg*innen, mit denen viele während ihres Arbeitsalltags in Berührung kommen. Wichtig sei es, so Mahler, mit den Kindern und Jugendlichen immer wieder zum Thema Rassismus ins Gespräch zu kommen. Eine Hilfestellung dafür können die vom Archiv entwickelten und dort kostenfrei bestellbaren „Intervention-Sets“ sein.

Murat Akan vom Archiv der Jugendkultur e.V. stellte in seinem Workshop zum „Umgang mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und demokratiefeindlichen Einstellungen im Kollegium“ heraus, dass GMF in allen Bildungsschichten vertreten sei. Gebe es derartige Äußerungen aus dem Kolleg*innenkreis sei der erste wichtige Schritt, empfiehlt Herr Akan, das Problem zu benennen, es auf eine Sachebene zu bringen und Motive zu hinterfragen, um anschließend einen klärenden und transparenten Prozess anzustoßen.

Nicht gleich, aber gleichwertig

Bundesgeschäftsführer Alexander Lohse betonte in seiner Abschlussrede noch einmal, dass der Ton politischer Debatten sich im privaten und öffentlichen Raum verschärft habe, die Demokratie immer wieder auf die Probe gestellt werde. Pädagogische Fachkräfte wirkten bei ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen auf die Gesellschaft von morgen ein und hätten damit eine verantwortungsvolle Aufgabe für den Erhalt unserer demokratischen Werte. Die Frage, die sich in diesen Zeiten stelle, sei, in welcher Gesellschaft wir leben wollten. Hierbei müsse Einigkeit bestehen, dass es eine demokratische, vielfältige und friedliche Gesellschaft sein müsse.

Veranstaltungsunterlagen
Einladung zum Fachtag
Filmlink „All we share“
Filmlink „Tolerant sind wir selber“