Volkssolidarität


Brandenburg

Vogalonga im Faltboot

Venedig: Volkssolidarität legte sich in die Riemen

Missgünstige Stimmen sagten, es sei „wie bestellt“ gewesen. Wenige Tage vor der diesjährigen „Vogalonga“ in Venedig rammte ein Riesen-Kreuzfahrtschiff ein kleineres Boot. Schaden und Verletzungen hielten sich in Grenzen, doch  die Stimmung wurde in eine Richtung verschoben. Lasst die großen Schiffe nicht mehr in die Lagune hinein. Umso selbstbewusster gaben sich die fast 2000 Boote, die am Pfingstsonntag bei strahlendem Sonnenschein, die diesjährige „Vogalonga“ in Venedig bildeten. Darunter auch in einem „Kolibri“-Faltboot Made in GDR, der Mitarbeiter Öffentlichkeitsarbeit bei der VS-Landesgeschäftsstelle Matthias Krauß.  Der traditionelle Kanonenschuss um 9 Uhr setzte das unübersehbare Wasserkorso in Gang. Diese 45. Vogalonga (das heißt übersetzt übrigens nicht die lange Woge, sondern das lange Ruder) ist eine Veranstaltung im Sinne aller Menschen, die das touristische Auspowern wertvoller historischer Stätten nicht hinnehmen wollen. Sie ist für alle, die Venedigs Lagunen und seine kleinen Inseln lieben und diese gerne mit einem Paddelboot entdecken wollen.

Einmal im Jahr rudern tausende Klein- und Kleinst-Kapitäne aus ganz Europa, aber auch aus Übersee, in Kanus, Kajaks und Drachenbooten auf einem 30 Kilometer langen Kurs durch Venedig und weit darüber hinaus. Dabei dürfen nur von Muskelkraft angetriebene Boote teilnehmen. Die Stadt und die Umgebung sind in dieser Zeit für andere Schiffe weiträumig gesperrt. Die Teilnahme ist alles, denn die Vogalonga gilt seit Jahrzehnten als wichtigstes Ereignis, um gegen die von den vielen Motorbooten erzeugte unablässige Wellenbewegung zu protestieren, die so gefährlich für die Kunststadt Venedig und seine Lagunen ist. Aus der ganzen Welt waren auch diesmal wieder die Teilnehmer angereist und „pflügten“ auf eine umweltschonende Weise die Wellen: Paddler und Ruderer. Es fuhren aber auch – wie bei einem Seifenkistenrennen – die unglaublichsten und originellsten Kreationen mit. Die Strecke führte vom Startpunkt gegenüber dem berühmten Markusplatz in die Inselwelt vor Venedig – u. a. vorbei an der weltberühmten Insel Murano, wo das begehrte und teure venezianische Glas hergestellt wird. Und dies bietet die Vogalonga ihren Teilnehmern: Wenn die Paddler und Ruderer erschöpft Venedig wieder erreicht haben, gestattet ihnen die Passage durch den einmaligen Canal Grande ein erhebendes Gefühl und die Mobilisierung der letzten Kräfte.

 

Entstanden war die Idee in Venedig bei Menschen, die es nicht hinnehmen wollen, dass ihre Stadt von den nautischen Gigalinern der globalen Tourismusindustrie heimgesucht wird, die den Charakter Venedigs sozusagen in den Grund bohren. Natürlich haben die Protestierer es nicht nur mit Schiffseignern und –betreibern zu tun, sondern mit Italienern, die an dieser Gästeüberflutung Venedigs viel Geld verdienen. Mehr als dass seit einigen Wochen ein Obolus von jedem Touristen gezahlt werden muss, der sein Kreuzfahrtschiff verlässt und seinen Fuß auf den Boden Venedigs setzt, ist dabei aber bislang noch nicht herausgekommen. Doch war die Stadt auch diesmal voller Plakate: „Raus mit den großen Schiffen aus Venedig!“ Ja, einmal im Jahr dürfen die sanften Paddler Venedig beherrschen. An den 364 weiteren Tagen dürfen sie das nicht, denn die Kanäle der Stadt sind den teuren Gondeln für zahlungskräftige Kunden und den PS-starken Motorbooten vorbehalten, die das Wasser aufwühlen und für einen Wellenschlag sorgen, der auf Dauer die ohnehin bedrohte „Perle an der Adria“ zertrümmert. In diesem Schlagabtausch – in mehrfacher Hinsicht -  sind Paddler nicht vorgesehen, sind sie ausgesperrt. Aber noch gibt es die Vogalonga.