Volkssolidarität


Brandenburg

Letzter Gruß galt der Volkssolidarität

Thema Pflege: Bei der Diskussion gab es auch Verzweiflung

Ihren letzten öffentlichen Termin hat die scheidende Sozialministerin Susanna Karawanskij (Linke) der brandenburgischen Volkssolidarität gewidmet. Dennoch wurde die Diskussionsrunde in der Begegnungsstätte Havelterrassen  nicht in romantischem oder sentimentalem Tonfall geführt – zu ernst sind die Tatsachen, die sich inzwischen mit dem Wort Pflegenotstand verbinden. „Wo bekomme ich die Pflege, und kann ich sie mir überhaupt leisten?“, so stehen inzwischen die Fragen für die Senioren in Brandenburg, wie VS-Verbandsbereichsvorsitzende Mittelmark, Gabriele Herzel, eingangs betonte. Ministerin Karawanskij sagte, zwei Drittel aller Pflegeleistungen auch in Brandenburg würden von Angehörigen erbracht. Es gebe inzwischen deutlich zu wenige Pflege-Fachkräfte, unbesetzte Stellen in der Ausbildung würden darauf verweisen, dass das Problem in absehbarer Zukunft nicht geringer werde. Eine Reihe von Fachkräften sei in Regionen abgewandert, wo sie besser bezahlt werden.

Die Ministerin sprach davon, dass Überlastung der verbleibenden Pflegerinnen und Pfleger oft zu Burnout führe und dazu, dass sie selbst krank würden. Die ambulante Pflege sei „unheimlich unattraktiv.“ Gleichzeitig sei von einem beträchtlichen Anstieg an Pflegebedarf auszugehen, der Anteil von Menschen im Seniorenalter werde in Brandenburg geradezu sprunghaft zunehmen.  „Es ist erschreckend.“  Konfrontiert wurde die Ministerin auf Abruf mit den praktischen und aktuellen Fragen der Pflegesituation, mit „Zuständen, wie sie dort herrschen“. Die Rentnerin Brigitte Märtin berichtete, dass in dem Heim, in dem ihr schwerbehinderter Sohn liege, nur noch eine Pflegekraft pro Etage vorhanden sei, um die Patienten aus den Betten zu heben.  „Wer gibt das vor? Ich verstehe das einfach nicht?“ In einem persönlichen Gespräch sagte die Ministerin ihr zu, sich der Sache anzunehmen. Bei der Festlegung von Untergrenzen bei der Personalausstattung in verschiedenen Pflegebereichen sei die Altenpflege „aus den Augen geraten“, bestätigte

Linke-Landtagsabgeordneter Ronny Kretschmer.  Einerseits sei es richtig, einen Mindeststandard bei der Personalausstattung festzusetzen. Andererseits laufe man in Gefahr, dass Einrichtungen schließen müssen, welche ohne eigenes Verschulden diese Mindestzahl nicht aufbringen. Tatsächlich würden Einrichtungen trotz großer Anmeldezahlen und langer Wartezeiten Zimmer schon nicht mehr belegen, weil ihnen das Personal fehle. Zusätzlich drängen viele ältere Menschen in die Städte wie Potsdam, weil bei ihnen in der bisherigen Wohnregion „gar nichts mehr geht.“  VS-Kreisvorsitzende Herzel sprach das Problem ganz unterschiedlicher Beitragssätze an, welche die zu pflegenden Menschen bezahlen müssen. „Das ist von ihnen nicht nachvollziehbar.“  In Potsdam betragen die Zuzahl-Summe  laut Angaben der Fachleute zwischen 1.500 und 2.300 Euro als Eigenanteil. Deren Beiträge würden auch dadurch steigen, dass die Volkssolidarität in ihren Pflegeeinrichtungen seit Oktober Tariflohn zahle, was wiederum wünschenswert und unverzichtbar sei.

Verschärft werde das Problem dadurch, dass selbst kommunale Pflege- und Gesundheitsunternehmen privatwirtschaftlich organisiert sind, wie Oliver Treffer,  von „sozialgesund“ darstellte. Dann stehe die Renditeerwartung im Raum. Es sei für die Betroffene dennoch etwas anderes, wenn die Rendite 3 bis 4 Prozent betrage, als wenn sie 10 bis 15 Prozent betrage. Es sei vor diesem Hintergrund abstrus, das Aktien von privaten Pflegeeinrichtungen für ihre Aktionäre ausgezeichnete Gewinne abwerfen würden.

Vielfach besteht auch ein Informationsdefizit, d.h. Menschen, die mit dem Thema Pflege konfrontiert seien, würden sich nicht geeignet informieren, wurde im Verlauf der Veranstaltung deutlich. Von „Verhinderungspflege“, von „Ersatzdienstleistungen“ hätten viele noch nicht einmal etwas gehört, obwohl verschiedene Angebote die Situation der Betroffenen sachlich, praktisch und auch finanziell erleichtern könnten. Zur Sprache kam auch, dass die Lage in Potsdam noch vergleichsweise günstig ist, auf den Lande gebe es Regionen, in denen sehe es noch viel beängstigender aus.  Festgehalten wurde am Ende, dass es im Land mehr Beratung für das Wohnen im Alter geben müsse. Mit 60 Jahren sollte der Mensch für sich die Frage aufwerfen, ob seine Wohnung auch altersgerecht sei. Der Wille, sich bei der Wohnung zu verkleinern, prallt wiederum auf die Erfahrung, dass angesichts der  explodierenden Mieten der Umzug in eine kleinere Wohnung gar nicht mit Kostenersparnis verbunden ist. Die Fachleute raten Hilfsbedürftigen im Übrigen, Mitmieter um kleinere Hilfe zu bitte. „Potenzielle Helfer wollen gefragt werden.“ Zumindest das Leeren des Briefkastens oder das Entsorgen des Mülls könne so oft problemlos bewerkstelligt werden.

Nicht wenige der Anwesenden wurden vom Gefühl beschlichen, dass das Ausmaß der ungelösten Fragen zu Optimismus kein Anlass gebe. Barbara Küthner berichtete, wie sich in ihrem betreuten Wohnbereich das Angebot Jahr für Jahr verringert habe.  „Jetzt haben wir gar nichts mehr.“ Sie habe Angst davor, älter zu werden und nicht mehr fit zu sein. „Noch bin ich jung mit meinen 81 Jahren. Aber ich habe das Gefühl, dass wir in diesem Staat nur noch unnütze Esser und Kostenfaktoren sind.“