Volkssolidarität


Brandenburg

Elternfragen sind ein Vertrauensbeweis

Fachtagung für pädagogische Mitarbeiter der Volkssolidarität

Wie findet das pädagogische  Fachpersonal einen Zugang zu Eltern in besonderen Problemlagen, und was ist beim Umgang mit besonders schwierigen Elternhäusern zu beachten? Die brandenburgische Volkssolidarität hatte Ende Juni Erzieherinnen und Erzieher zu einer Fachtagung nach Potsdam geladen. Die als Referentin gewonnene Heil- und Hochbegabtenpädagogin Martina Meixner aus Johann-Georgenstadt (Sachsen) versicherte eingangs, nicht „Patentrezepte“ anbieten zu wollen, doch könnten überlegte Strategien hier alle Seiten zum Wohle des Kindes voranbringen. Bei vielen  Kindern nehmen heutzutage Angst, Depressionen, Essstörungen und andere seelische Defekte messbar zu, sagte sie.  In den vergangenen Jahren habe der Anteil an Kindern, die ein „sicheres Bindungsverhalten“ aufweisen, ständig abgenommen. Es gebe das Phänomen, dass siebenjährige Kinder die psychische Reife eines Dreijährigen besitzen. Überlastete Erzieher seien Burnout-gefährdet, und je näher sie diesem Stadium seien, desto geringer werde die im Beruf so wichtige Empathie.

Foto: Heilpädagogin Marina Meixner

Zunächst rief Meixner den ca. 50 Anwesenden ins Bewusstsein, dass sich die meisten Mütter und Väter „hoch kooperativ“ verhalten . In Erinnerung würden aber eher jene bleiben, mit denen es Ärger gebe. Meixner empfahl, die Eltern als Experten für ihre Kinder wahrzunehmen und auch davon auszugehen, dass sie sich für den Zustand ihrer Kinder – eingestandenermaßen oder nicht – verantwortlich fühlen. Wenn Eltern sich mit Fragen an die Erzieher wenden würden, sei das ein wichtiger Vertrauensbeweis. Eine Kooperationsverpflichtung bestehe selbstverständlich, werde jedoch nicht von allen Eltern als solche akzeptiert. Davon könne man sie nur geduldig überzeugen. Kontaktaufbau und -pflege kosten Meixner zufolge zweifellos Zeit und Kraft. An die jüngeren Kolleginnen und Kollegen gewandt, sagte die Expertin, wenn sie in diesem Beruf die Rente erreichen wollten, müssten sie gegenüber auftauchenden Konflikten eine „sportliche Grundhaltung“ entwickeln, d.h. sich grundsätzlich auf die Lösung von Problemen freuen.  Oder dem mindestens positiv gegenüberstehen.

Unzweckmäßig ist aus Sicht der Pädagogin, sich für Dinge zu entschuldigen, die schlicht zur professionellen Arbeit gehören, „die normale Dinge und Teil Ihrer Arbeit sind.“ Inzwischen würden „unzählige Erziehungsauffassungen“ existieren – Studierende hätten kürzlich rund 700 zusammengetragen. Eltern hätten zur Frage, was das Beste für ihr Kind sei, einen Standpunkt  – mehr oder weniger professionell bzw. begründet, oft angelesenen. Die große „Auswahl“ führe nicht selten zum Entscheidungsstress, d.h. Eltern wüssten überhaupt nicht mehr, was sie hier verfolgen sollten. Dies sei einzukalkulieren wie auch eine um sich greifende Verunsicherung von Müttern oder Vätern der Erziehungsaufgabe gegenüber - bis hin zur Aufgabe (zum Verlust) solcher Strategien. Das wäre das Ende von Erziehung. Sie zitierte einen Jugendlichen, der sich von den Eltern mit der Begründung abgenabelt habe: „Ich bin denen völlig egal. Ich konnte machen, was ich wollte, die haben nie was gesagt.“ Es fehle gelegentlich an Unterstützung von dieser Seite, und Probleme würden nicht nur in den sogenannten bildungsfernen Elternhäusern auftreten, sondern auch in „gut bürgerlichen“.

Die Heilpädagogin riet dazu, dort einzuschreiten, wo Eltern ihre Kinder nicht als Schutzbefohlene sondern als Partner "auf Augenhöhe" betrachten würden, denn Kinder stünden recht lange in einem inneren Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Eltern. Heute vielleicht  noch länger als früher. Die Autorität als Erziehungsperson dürfe nicht aufs Spiel gesetzt werden. Das schütze auch davor, an das Kind überzogene Erwartungen zu stellen und enttäuscht zu sein, wenn es diesen Erwartungen nicht entsprechen könne. Dreijährige könnten weder ihr Verhalten über einen längeren Zeitraum hinweg vorausschauend kalkulieren, noch besäßen sie eine intellektuelle Einsichtsfähigkeit in einem Sinne, den man bei reifen Partnern voraussetzt.  Kinder könnten zwar Entscheidungen fällen aber eben nicht Erziehungsfragen entscheiden. Was schon bei ausgereiften Persönlichkeiten ein Problem sei, das sei es erst recht bei Kindern: „Ein Zuviel an Wahlmöglichkeiten verursacht Stress.“ Der Imperativ (die Befehlsform) in der deutschen Sprache sei da, um ihn an gebotener Stelle zu nutzen. Geschiedenen Eltern sei dringend zu raten, gegenüber dem Kind weiter als „Erziehungsteam“ aufzutreten und jegliches gegeneinander Ausspielen zu unterlassen.

Den Eltern sei zu empfehlen, weniger Erziehungsbücher zu lesen, sondern mehr in ihren Kindern. Dem Schlafen im Ehebett stehe als Ausdruck eines Urvertrauens des KIndes und Mittel dies aufzubauen, nichts grundsätzlich entgegen. "Vorausgesetzt, alle empfinden das als gut." Dieses Vertrauen werde aber entschieden untergraben, wenn Kinder schlafend an andere Orte transportiert würden, sie also nicht dort aufwachen würden, wo sie eingeschlafen seien. Wer Liebe weitergeben wolle, müsse selbst Liebe empfangen haben. Liebe sei nicht erlernbar, aber man könne Eltern zumindest beibringen, „ihren Job zu machen“. Fehle beides, müsse dem Kind zumindest letzteres auf anderem Wege geboten werden.

Die Problemlagen bei Eltern würden oft in deren eigenen ungünstigen Erziehungsbiografien begründet liegen, legte die Expertin dar. Ein positiver Ausgang sei dennoch nicht ausgeschlossen, vorausgesetzt, diese eigene Biografie sei aufgearbeitet. Sie empfahl, solchen Erziehungsberechtigten, die ihre Kinder schlagen, Tipps dazu zu geben, wie bei aufsteigender Wut eine Tür zwischen sich und dem Kind gebracht, bzw. die schlagende Hand gebändigt werden könne. Im bestürzenden Falle, dass ein sexueller Kindsmissbrauch offenbar werde, empfahl Meixner, nicht sofort Polizei und Jugendamt zu verständigen, sondern den Fall mit Kollegen zu bereden, eventuell sich erst einmal an den Weißen Ring zu wenden. Leider habe der Kindsmissbrauch im vergangenen Jahrzehnt wieder zugenommen – nicht bei den früher eher betroffenen Altersgruppen zwischen 11 und 16 Jahren, sondern bei Kindern von drei Jahren und jünger.

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