Volkssolidarität


Landesverband Brandenburg e.V.

Beharrlichkeit und Geschick sind gefragt

Integration: Ein schwieriger Weg, mit Missverständnissen gepflastert

Die Volkssolidarität kümmert sich an verschiedenen Stellen im Land Brandenburg um geflüchtete Menschen und leistet ihren Beitrag zur Integration. Das ist alles andere als problemlos. Organisiert von Vorstandsassistentin Anne Papendorf nutzten Verantwortliche, Betreuer und Erzieher ein Work-Shop-Angebot "Interkulturelle Kompetenzenvielfalt", das Ende November stattfand. In der Einladung ins Blauart-Tagungshaus am Werderschen Damm in Potsdam hieß es: "Ihre Beiträge können für alle bereichernd sein". Die Dozentin Katja Stephan ging in ihrem einleitenden Vortrag von der These aus, der Nationalstaat befinde sich derzeit in Auflösung, sei immer weniger Gefäß von sprachlicher, geografischer und kultureller  Identität. Sie sprach ferner davon, dass es zunehmend illusorisch sei, von der Erwerbstätigkeit eine persönliche Identitätsbildung zu erwarten. Auch das spiele in den Umgang der Einheimischen mit den Migranten hinein.

Wenn Hunderttausende Menschen aus verschiedenen Weltgegenden einander dauerhaft begegnen, dann prallen eben Welten aufeinander. Kulturell, geistig, religiös, bezogen auf das Rechtsverständnis, bezogen auf die Geschlechterbeziehungen ist eine Fülle möglich: von Missverständnissen bis hin zu Katastrophen. Der titanischen Arbeit, hier zu einem positiven, fruchtbringenden Ausgleich zu finden, hat sich die vom Dachverband Der Paritätische ausgehende Initiative INSCHWUNG verschrieben. Denn guter Wille allein genügt nicht. Ohne ein tiefes Verständnis von der Lage der Geflüchteten aus Asien, Arabien und Afrika wäre der Vorgang zum Scheitern verurteilt.  Den Migranten, die auch im Bundesland Brandenburg auf Unterkünfte verteilt werden und betreut wohnen, ist zum einen vieles in der neuen Umgebung unverständlich. Zum anderen sind sie selbst auch der neuen Umgebung oft ein Rätsel.  Bei der INSCHWUNG-Beratungsveranstaltung in Potsdam ging es einmal mehr darum, dass sich Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Organisationen und Verbänden, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, untereinander verständigen und Erfahrungen austauschen, sagte INSCHWUNG-Projektleiterin Gabi Jaschke. Zum dauerhaften Erfolg ist der Weg offenbar recht weit.  Dozentin Stephan teilte die Begegnungsphasen ein in Euphorie, Entfremdung, Eskalation, Missverständnisse und Verständigung.  

Elena Vakker ist seit einigen Monaten in Eisenhüttenstadt für die von der Volkssolidarität übernommene Flüchtlingsbetreuung von 123 Menschen aus Syrien, Afghanistan Tschetschenien zuständig. Sie hat kurz zuvor ihr Studium beendet und  berichtet von einem breiten Spektrum an Schwierigkeiten, von Beschwerden über Ruhestörung über das Schulschwänzen von einigen der 58 Kinder und Jugendlichen bis hin zu Eigentumskriminalität. Unter den Geflüchteten könnten viele mit Geld nur unzureichend umgehen, es kommt zum Schuldenaufhäufung. Sie überziehen ihr Konto und „verlieren den Überblick“. Sicher kann die Volkssolidarität die Betreffenden dann zu Schuldnerberatung schicken, aber Geld bekommen sie von dort auch keines.

Bei der Beratungsveranstaltung schildert Ebrima Kubba Juvgen aus Gambia seine Begegnung mit der deutschen Küche. Inzwischen schmeckt sie ihm bedeutend besser, aber zunächst habe er sich nur gewundert, dass es Küchen geben könne, in denen keine 50 Kilogramm Reis stehen. Weil sein Freund, der eine Deutsche geheiratet habe, Brot und Kartoffeln nicht mehr ertragen konnte, habe der selbst zu kochen angefangen. „Er wäre fast verhungert.“  Die Betreuer haben „mit Höhen und Tiefen zu tun“, sagt Amina Wiegeleben, die in einem Heim der Volkssolidarität für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Lausitz arbeitet. Das Erforschen der familiären Hintergründe von Teenagern aus der Volksrepublik Kongo wäre eigentlich unerlässlich für die Erarbeitung einer Strategie des Umgangs mit ihnen. Doch stoße man in erster Linie auf Verschlossenheit. Einer der Jungen habe gerade noch verraten, seine Eltern hätten in der Gepäckabfertigung des Flughafens gearbeitet, ein anderer hat überhaupt sein Leben seit dem achten Lebensjahr nur auf der Straße verbracht. Über Schulbildung gebe es ähnlich spärliche Auskünfte. „Sie reden nicht gern darüber.“  

Es ist ein „besonderes Geschick im Kontakt mit Migrantenfamilien unerlässlich, um ihnen gerecht zu werden“, sagte die Dozentin Stephan. Sie berichtete aus einer Veranstaltung, in der junge Geflüchtete schildern sollten, was ihnen in Deutschland aufgefallen sei. Als erstes sei der Umgang mit Hunden angesprochen worden. „Warum küsst ihr Hunde, warum haben eure Hunde Pässe?“ Darüber hätten die sich gewundert. Einhellig das Erlebnis der Ablehnung, der Unfreundlichkeit, der fehlenden Hilfsbereitschaft in der deutschen Umgebung. Stephan: „Fragen Sie als Frau mit Kopftuch in Frankfurt (Oder) mal nach dem Weg."