Volkssolidarität


Bundesverband e.V.

Aktuelle Situation von Pflegenden

Studie zeigt: Zeitdruck, Erschöpfung und prekäre Arbeitsverhältnisse

Wie aktuelle Studien erneut sichtbar machen ist die Situation von informell und beruflich Pflegenden problematisch. Die Volkssolidarität sieht dringenden Handlungsbedarf. 

Eine aktuelle Studie verdeutlicht die Situation, dass in der häuslichen Pflege „anfallende Arbeiten ganz überwiegend privat oder informell erbracht werden. In einem durchschnittlichen Pflegehaushalt in Deutschland werden rund 63 Stunden pro Woche für die Bewältigung der Pflegebedürftigkeit aufgebracht, vor allem in der Betreuung, Begleitung und Hauswirtschaft. Davon werden rund 90 Prozent von informellen Helferinnen und Helfern aus der Familie, dem Freundeskreis oder von Ehrenamtlichen erbracht, aber nur rund zehn Prozent von professionellen Diensten abgedeckt.“

Die Forscherinnen weisen darauf hin, dass „soziale Dienstleistungen Teil der gesellschaftlichen Infrastruktur sind. Eine moderne Gesellschaft, in der Frauen sowie Männer am Arbeitsmarkt teilhaben und die darüber hinaus immer älter wird, sei auf eine solche Infrastruktur dringend angewiesen.“

Arbeitsbedingungen der ambulanten und stationären Pflege im Ländervergleich

Die Volkssolidarität sieht daher dringenden Handlungsbedarf: Zeitdruck, Erschöpfung und prekäre Arbeitsverhältnisse von Pflegekräften sind nach einer aktuell erschienenen ländervergleichenden Studie der Hans-Böckler-Stiftung, sowohl in Deutschland, Japan und Schweden verbreitet. „Mit 54 Prozent der ambulanten Pflegekräfte in Deutschland, die von regelmäßigem Zeitdruck berichten, liegt Deutschland im Ländervergleich höher als in Japan mit 35 Prozent und 37 Prozent in Schweden. Auch bei den wöchentlichen Überstunden ist Deutschland führend und besonders hoch fallen die Unterschiede im stationären Bereich aus, wo der Zeitdruck bei 73 Prozent der Deutschen, 53 Prozent der Japaner und 40 Prozent der Schweden an der Tagesordnung ist.“

Als Erklärung verweist das Forscherteam auf die festgelegten Aufgabenkomplexe in engen Zeitkorridoren bei dünnen Personaldecken. „Ein ‚Best Practice‘-Beispiel, das gute Leistungen für Pflegebedürftige, gute Arbeitsbedingungen für Pflegende und eine gesicherte Finanzierung zusammenbringt, gibt es bislang in keinem Land. Interessante Unterschiede dagegen schon“, so ein Ergebnis der Studie.


Aktuelle bundespolitische Ansätze zur Verbesserung der Pflege

Mit der Konzertierten Aktion Pflege wollen der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Franziska Giffey und der Bundesminister für Arbeit und Soziales, Hubertus Heil, den Arbeitsalltag und Arbeitsbedingungen von Pflegekräften spürbar verbessern. Konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Situation beruflich Pflegender sollen in fünf Arbeitsgruppen entwickelt werden: 1. Ausbildung und Qualifizierung, 2. Personalmanagement, Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung, 3. Innovative Versorgungsansätze und Digitalisierung, 4. Pflegekräfte aus dem Ausland, 5. Entlohnungsbedingungen in der Pflege.

Einige erste Schritte zur Verbesserung der Pflege und Betreuung von Patienten/-innen und Pflegebedürftigen sollen durch die Reform des Pflegeberufegesetzes (PflAPrV) und dem Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz (PpSG) erfolgen. Der Gesetzesentwurf zur Stärkung des Pflegepersonals wurde am 01. August 2018 vom Kabinett beschlossen, das eine Verbesserung der Personalausstattung sowie besseren Arbeitsbedingungen in der Kranken- und Altenpflege erreichen soll. Weitere Schritte sollen folgen.


Forderung eines Gesamtkonzeptes zur Begegnung des Pflegenotstandes

Der Präsident der Volkssolidarität, Herr Dr. Friedersdorff, begrüßt die politischen Bemühungen durch die Konzertierte Aktion Pflege und dem vom Bundeskabinett verabschiedete Entwurf eines Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetzes (PpSG). Die Bundesregierung reagiert damit auf den Pflegenotstand, der nicht erst durch die aktuelle Studie der Hans-Böckler-Studie bestätigt wurde, sondern der bereits seit langen deutlich ist. Gleichzeitig kritisiert der Verband, dass dies nicht ausreichend ist: Es fehlt ein Gesamtkonzept zur Begegnung des Pflegenotstandes, das den aktuellen Notwendigkeiten entspricht.

Das Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz richtet den Fokus auf den Krankenhaus- und den stationären Pflegebereich. Ein Abwandern von dem Personal der Altenpflege aufgrund der im Gesetz besser gestellten Krankenhäuser, ist zu befürchten. Zu wenig Aufmerksamkeit findet sich in den derzeitigen politischen Debatten in Bezug auf die Situation in dem ambulanten Pflegebereich und von angrenzenden Bereichen der Eingliederungs- und Behindertenhilfe.


Notwendigkeit einer Finanzierungsreform

Neben diesem Effekt, dürfen die bessere Vergütung des Pflegepersonals nicht zu Lasten der von zu Pflegenden gehen. Sowohl zu Pflegende, pflegende Angehörige oder vergleichbaren nahestehenden Pflegepersonen dürfen nicht aus dem Blick geraten. Eine menschenwürdige gute Pflege für alle bedeutet insgesamt deutlich mehr finanzielle Mittel für die erforderlichen Verbesserungen. „Unser Verband ist daher der Auffassung, dass die Finanzierungsgrundlagen zu reformieren und die Eigenanteile zu begrenzen sind“, so Herr Dr. Friedersdorff.

 

Mehr zum Thema „Pflegekosten gerecht verteilen" finden Sie hier.

Die aktuelle Analyse sozialer Berufe Hans-Böckler-Stiftung Nr. 4, Juni 2018 „Aufwertung von sozialen Dienstleistungen. Warum sie notwendig ist und welche Stolpersteine noch auf dem Weg liegen“ finden Sie hier (PDF).

Die Studie vom August 2018 Nr. 383 der Hans-Böckler-Stiftung: „Pflegearbeit in Deutschland, Japan und Schweden“ finden Sie hier (PDF). 


Wesentliche Regelungen im PpSG finden Sie als Überblick vom BMG hier.