Volkssolidarität


Verbandspräsident Dr. Wolfram Friedersdorff

Dokumentation der Fachtagung Pflege

Die neue Qualität in der Pflege – Pflicht oder Kür?

Am 15. Mai 2019 fand die Fachtagung Pflege mit 89 Teilnehmer/-innen statt, organisiert vom Bundesverband der Volkssolidarität e. V. und dem Kompetenzzentrum Pflege. Der Stellenwert von Versorgungsqualität hat erheblich an Bedeutung gewonnen: Im Hinblick auf die Qualität in der Altenpflege wurden in jüngster Zeit Veränderungen angestoßen.

Ab Herbst 2019 wird bundesweit ein neues System eingeführt, in Form eines indikatorengestützten Verfahrens. Das Thema der Qualität in der Pflege ist auch angesichts von demografischem Wandel und Fachkräftemangel eine zentrale Herausforderung in den Pflegeeinrichtungen der Volkssolidarität. Die qualitative Fachlichkeit und deren Umsetzung ist ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Vor diesem Hintergrund lud der Bundesverband Volkssolidarität e. V. und das Kompetenzzentrum Pflege der Volkssolidarität zur Fachtagung mit dem Titel „Die neue Qualität in der Pflege – Pflicht oder Kür?“ in Berlin ein. Durch die Veranstaltung begleiteten Sylvia Svoboda, die Pflegedirektorin Sozialdienste der Volkssolidarität gGmbH im Landesverband Berlin und Leiterin des Kompetenzzentrums Pflege der Volkssolidarität Bundesverband, zusammen mit Annegret Seehaus, Bereichsleiterin Soziale Dienste der Volkssolidarität im Landesverband Sachsen-Anhalt.

Mit Herz und Verstand für die Pflege

In seinem Eröffnungsbeitrag veranschaulichte Herr Dr. Friedersdorff gleich zu Beginn die Wichtigkeit des Themas und stelle fest, dass „die Gewährleistung einer menschenwürdigen Betreuung und Versorgung pflegebedürftiger Menschen einer der gesellschaftlichen Megathemen unserer Zeit ist. Die Sicherung der Pflege ist eine der zentralen politischen Herausforderungen dieser Legislaturperiode. Pflegepersonen setzen sich tagtäglich unter schwierigsten Umständen und mit begrenzten Ressourcen dafür ein, um qualitativ hochwertige Versorgung für diejenigen zu gewährleisten, die sie am nötigsten brauchen. Die Pflegenden leisten jeden Tag eine Arbeit von hoher gesellschaftlicher Bedeutung. Es zeigt sich immer deutlicher die Notwendigkeit eines grundsätzlichen Umsteuerns in der Pflege, wenn der Anspruch – den, etwa vier Millionen pflegebedürftiger Menschen ein menschenwürdiges Leben im Alter zu gewährleisten – eingelöst werden soll. Unser Verband setzt sich in vielfältiger Weise für eine menschenwürdige Pflege ein. Für die Qualität in der Pflege nehmen wir heute entsprechende Impulse für unsere politische Einflussnahme im Bund mit“, so Herr Dr. Friedersdorff. In diesem Sinne wünschte der Verbandspräsident allen Teilnehmer/-innen der Veranstaltung viel Spaß und gutes Gelingen.

Wir haben es mit einem komplexen System zu tun

Mit dem ersten Vortrag am Vormittag widmete sich der Fachtag den theoretischen sowie prüfrelevanten Informationen für eine Implementierung der Qualitätsindikatoren und dem damit verbundenen neuen Qualitätsprüfverfahren in den Einrichtungen. Die Grundlagen zum neuen Qualitätssystem in der stationären Pflege stellte Herr Claus Bölicke, Leiter Abteilung Gesundheit, Alter, Behinderung des AWO Bundesverband e. V., mit der Erläuterung des Indikatorenmodells nach Wingenfeld in seinem Vortrag dar.

„Die Veränderung des Systems zur Qualitätssicherung fällt in eine ungünstige Zeit. Trotz dieser widrigen Umstände ist eine Umstellung richtig. Unsachgemäße Medienberichten und damit einhergehende Missverständnisse in der Öffentlichkeit führten zu einem erhöhten politischen Handlungsdruck.“ Mit den begleitenden Strukturen, ist Herr Bölicke zuversichtlich, dass die Umsetzung gelingt. „Die Stärkung der Fachlichkeit ist eines der großen Gewinne des neuen Systems. Mit der Person-Zentrierung ist ein altes Verständnis von Pflege wieder aufgenommen worden. Ebenso werden Angehörige auch wieder stärker in diesem Setting mitgedacht.“

Im weiteren Verlauf seines Vortages erörterte Herr Bölicke, wie man Qualität eigentlich darstellen kann, wie die Indikatoren zu lesen seien und ging auf die benötigte Transparenz sowie die zentralen Kritikpunkte am QPR ein.
Die Präsentation von Herrn Claus Bölicke zum Thema des neuen indikatorengestützten Qualitätssystems in der stationären Pflege finden Sie hier (PDF).

Die Fachlichkeit gewinnt an Bedeutung – Pflege hat eine Menge Stärken

Über den Stellenwert des Fachgespräches in der Prüfsituation als neue Herausforderungen referierte Frau Susan Kehnscherper, Regionalleiterin Berlin, Brandenburg und Sachsen im Verband der Privaten Krankenversicherung e. V.. „Die fachliche Kommunikation im Prüfverfahren hat einen hohen Stellenwert und basiert auf der stärkeren Differenzierung von Beurteilungen und der Verringerung der Bedeutung von Konzept und Dokumentationsprüfungen.“ Dafür seien differenzierte Kenntnisse auf Seiten der Prüfer/-innen und Pflegekräften erforderlich. Auch setze dieser Prüfansatz eine intensive Zusammenarbeit zwischen der Pflegeeinrichtung und den Prüfdiensten voraus.

Neben diesen Aspekten der wichtigen Rolle des Fachgespräches ging Frau Susan Kehnscherper auf den Kernprozess der Bewohnerversorgung als Fokus der Qualitätsprüfungen ein. „Die Wahrung von Würde und Respekt durch die personenzentrierte Pflege findet Relevanz in der praktischen Umsetzung im Aufbau einer Beziehung unter Berücksichtigung der gesamten Person und ihres sozialen Umfelds.“

Einen weiteren Schwerpunkt legte Frau Susan Kehnscherper auf das Wissen zur Kommunikation und deren Relevanz für Pflegekraft und Prüfer/-innen. „Die Kommunikation und Teamarbeit ist unerlässlich. Die aktive Rolle der Einrichtungen impliziert auch eine Aufwertung des internen Qualitätsmanagements“.
Die Präsentation von Frau Susan Kehnscherper zum Thema „Das Fachgespräch. Eine wichtige Informationsquelle in Qualitätsprüfungen“ finden Sie hier (PDF).

Perspektivwechsel: Innenwelten der Demenz verstehen – Lebensqualität erhalten

Am Nachmittag des Fachtages wurde der Expertenstandard in der Beziehungsgestaltung von Menschen mit Demenz in den Blick genommen. Bei Menschen mit Demenz werden Gefühle der Sicherheit und Geborgenheit erschüttert, aufgrund von Unsicherheiten, erlebter Bedrohung und Trennungssituationen. Durch Beziehungsgestaltung kann dem Mensch mit Demenz hier begegnet werden; die empfundene Lebensqualität verbessert sich.

Frau Barbara Klee-Reiter nahm die Teilnehmer/-innen in ihrem Fachtagbeitrag mit, die Innenwelten der Demenz nachhaltig zu verstehen: „Durch das Experiment mit dem demenz balance-Modell© wird deutlich, dass Menschen mit einer Demenz existentiell bedrohende Verluste erleben, die dazu führen, dass das ausbalancierte Identitätsgefüge einer Person aus dem Gleichgewicht gerät. Im Verlauf der Erkrankung ist es Menschen mit Demenz immer schwerer möglich aus eigener Kraft ein Gegengewicht zu den fortschreitenden Verlusten zu schaffen.“

Zum Ende Ihres Fachtagungsbeitrages ging Frau Klee-Reiter auf die Zielsetzung und Umsetzung des Expertenstandards „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“ in die Praxis ein, indem sie Handlungsansätze erläuterte, wie „Langsamkeit“, „Auf Macht verzichten“, „Kontakt vor jeder Funktion“ sowie „Verstehen vor Handeln“.
Das Fotoprotokoll von Frau Barbara Klee-Reiter zum Thema „Innenwelten der Demenz verstehen – Lebensqualität erhalten“ finden Sie hier (PDF).

Qualität in der Pflege in den Einrichtungen der Volkssolidarität

In dem abschließenden Redebeitrag unterstrich Herr Olaf Wenzel, geschäftsführender Vorstand der Volkssolidarität Bundesverband e. V., die Notwendigkeit von pflegepolitischen Forderungen und der besonderen Konstellation des Verbandes: „Die Volkssolidarität vertritt sowohl die Interessen seiner Mitglieder, der Betreuten sowie benachteiligter und hilfebedürftiger Menschen aller Generationen und ebenso die der Pfleger/-innen. Gleichzeitig ist die Sicherung der Qualität vorrangig.“

„Es gibt pflegepolitisch noch viel zu tun. Das Kompetenzzentrum Pflege, die AG Pflegepolitik und die Referentin für Pflege und Gesundheit, Sabine Dummert, gehen dies im Bundesverband beherzt an.“ Neben der sozialpolitischen Vertretung von aktuellen Themen, wie bspw. der Deckelung der Pflegekosten, ist der Bundesverband der Volkssolidarität u.a. seit 2012 im Bündnis für Gute Pflege aktiv, das sich für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen in der Pflege zugunsten der pflegebedürftigen Menschen, ihrer pflegenden und begleitenden Angehörigen und der beruflich Pflegenden einsetzt. Seit März dieses Jahrs ist der Bundesverband der Volkssolidarität Mitglied im Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit, denn „aus Sicht der Volkssolidarität Bundesverband soll die Gesundheit aller Menschen ein gesellschaftliches Anliegen sein. Gesundheit ist unser höchstes Gut. Oft merken wir das erst, wenn es nicht zum Besten um sie bestellt ist“.

Vor dem Hintergrund dieser wichtigen Aufgaben, gilt es das Potential des Verbandes zu nutzen, um die hohe Qualität der vielen guten Einzelbeispiele auch flächendeckend wirksam werden zu lassen. Um die eigene Arbeit zu verbessern und den Stellenwert der Pflege zu erhöhen, kündigt Herr Wenzel die Schaffung einer Service- und Beratungsgesellschaft für ein verbandsübergreifendes Qualitätsmanagement an.

Mit den verabschiedenden Worten zum inhaltsreichen Tag, lud Herr Wenzel zum anschließenden Austausch bei Kaffee und Kuchen mit den Worten ein: „Ich mache mir keine Gedanken über die Qualität in der Pflege in den Einrichtungen der Volkssolidarität und bedanke mich herzlich bei Ihnen allen, ohne die das nicht möglich wäre.“