Volkssolidarität


RV Mittelthüringen e.V.

1. Seniorenforum Impfen 60+

Impfen steckt noch in den Kinderschuhen

Seniorenbeirat der Stadt Erfurt lud zur „Impfsprechstunde“ mit dem Amtsarzt ins Rathaus und der Andrang war groß.

Vom Grippeschutz mal abgesehen, denken Ältere beim  Impfen zumeist an Kinderkrankheiten wie Masern, Röteln oder Keuchhusten. „Und da zu DDR-Zeiten pflichtgemäß alle durch geimpft waren, haben wir Senioren uns bisher davon wenig angesprochen gefühlt“, räumt Gudrun Stübling ein. Die Vorsitzende des Erfurter Seniorenbeirates hat sich aber eines anderen belehren lassen: angeregt durch ein studentisches Projekt an der Uni „Impfen 60 Plus“, bei dem zunächst für eine Fragebogenaktion Teilnehmer über 60 Jahre gesucht werden. „Je mehr Informationen wir erhielten, je dringlicher fanden wir die öffentliche Thematisierung“, so Gudrun Stübling.

Das Podium dafür bot am Montagnachmittag im Rathaus das erste Senioren-Plenum des Jahres 2017. Die Besucher kamen aus Seniorenclubs, von Gruppen der Volkssolidarität, aus Erfurter Vereinen – da reichten anfangs die Stühle nicht aus.

Rund um den Impfschutz -- von Aufklärung über Vertrauen bis zu Problemen und Vorbehalten -- sprach als Fachpartner Dr. Gerrit Hesse. Er ist ein erfahrener Impfarzt, langjähriger Leiter der Impfstelle im Erfurter Gesundheitsamt und zurzeit kommissarischer Amtsarzt der Stadt. Schnell zog  er mit seinen anschaulichen Darlegungen die Zuhörer in den Bann. Er appellierte nicht nur an einen hohen Impfschutz im Sinne aller, sondern legte Beispiele und Zahlen vor. Erst voriges Jahr durchlief Erfurt eine Masernwelle. Und betroffen waren von der vermeintlichen Kinderkankheit vor allem auch die betreuenden Großeltern. Bei ihnen ist der Krankheitsverlauf schwieriger. Im Impfausweis steht, wer schon geschützt wurde. Hesse sagt pauschal: Die vor 1970 Geborenen sind zumeist geimpft. Gab es zur Jahrtausendwende noch den benötigten 97-prozentigen Impfschutz, zeigen sich aber seit Jahren immer mehr Impflücken.

Gerrit Hesse sprach von Eigenverantwortung und auch zu den viel diskutierten Impfrisiken. 1,2 Millionen Impfungen erfolgen jährlich in Thüringen, dabei gab es zwei ernsthafte Impffolgen, davon ein Todesfall. Der Zusammenhang sei meist schwer aufzuarbeiten, aber auch nicht wegzuschieben.

Ansteigende Zahlen gibt es beim Keuchhusten—bei den über 65-Jährigen. Offen benennt der Arzt hier Probleme mit den Impfstoffen. Sagt aber auch, die Impfungen halten nicht ein Leben lang. Doch 89 Prozent der Erwachsenen lassen keine Auffrischung vornehmen. Hesse erinnert an die Tetanus-Spritze. Und weiß, ungeimpft reichen schon unauffällige Wunden nach der Haus- oder Gartenarbeit, um die Krankheit ausbrechen zu lassen. Die Sepsis sei wieder auf dem Vormarsch. Vor Operationen findet er eine Impfberatung unter anderem zu Hepatitis wichtig. Bei Ältereren auch den Schutz gegen Lungenentzündung. Am Beispiel Grippeschutz nennt er eine überraschende Anzahl Impfstoffe, die Allergien, berücksichtigen, chronische Krankheiten, Tumorpatienten. Aber das ist der wissenschaftlich mögliche  Aspekt. In Praxis geht es um wenig Bürokratie und Kosten. Da gibt es quasi die „Einheitsimpfung“ und teils gar kein Informationsgespräch dazu zwischen Arzt und Patient. Stichwort Vertrauen?

Relativ neu sei die Impfung gegen die gefürchtete Gürtelrose. Aber Neues gäbe es ständig zum Thema Impfen, da sei auch wissenschaftlich derzeit viel in Bewegung. In der Erfurter Impfstelle auch. Laut Stadtratsbeschluss wurde deren Leistungsangebot eingeschränkt, zwei Schwestern abgezogen, die Impfpalette unter anderem beim Reiseschutz eingeschränkt, an die niedergelassenen Ärzte abgegeben. Wie auch beim Grippeschutz, der jahrelang auch die Mitarbeiter der Stadtverwaltung im Publikumsverkehr umfasste. Der Wunsch der Fachleute wären wenigstens 35 Prozent Impfrate. Die Realität lag 2014 bei 22 Prozent.

Die Erfurter Impfkartei reiche weit in die DDR-Zeit zurück, würde durch Meldungen von Ärzten weitergeführt. Allerdings seien hier nur die in Erfurt Geimpften erfasst, keine Zugezogenen, stellte Dr. Hesse klar.  Bewährt habe sich der persönliche Impfpass, bei der Aufarbeitung von Impfnachweisen helfen die Mitarbeiter der Impfstelle gegen eine Gebühr. Hier gibt es auch Impfkalender für Kinderkrankheiten und bis ins Erwachsenenalter. Für über 60-Jährige wird zumindest der Grippeschutz und die Pneumokokkenimpfung empfohlen. Mit dem Alter ändere sich das Immunsystem, bräuchte wiederholte Impfungen.

Wenn Dr. Hesse auch mehrfach kritisch feststellte: „Wir brauchen bessere Impfstoffe.“,  gäbe es derzeit trotzdem  nichts Besseres, als die Impfungen als Schutz. Auch, wenn sie wie im sonstigen Leben nicht 100-prozentig schütze. Und es zunehmend einen Mangel bei einzelnen Impfstoffen gäbe.

Die Diskussion war dann lebhaft. Rüdiger Bender zog für sich das Fazit: Der Begriff Kinderkankheiten sei irreführend. Thomas Hutt sprach sich für eine Einführung der Impfflicht aus. Ruth Sareik verwies auf die Bewohner in Seniorenheimen, die in Erfurt 20 Prozent der Pflegebedürftigen ausmachen. Wie ist deren Impfstatus, wer kümmert sich darum? Dr. Hesse griff die Anregung auf, wird ein Pilotprojekt zum Thema anregen. Mit dem Seniorenbeirat als Partner. Dieser ist auch Ansprechadresse bei der Seminararbeit der drei Schülerinnen  Anne-Marie, Franziska und Anni vom Kurs A/18/1 des Gutenberggymnasiums „Impfen, ein einziger Kampf“. Uber drei Jahre wird ein Bundesprojekt auch an der Uni-Erfurt gefördert. „Impfen 60 Plus“stellte  Nora Küpke (25)  den Erfurter Senioren vor und teilte die ersten Fragebögen aus. Näheres erfährt man unter  impfen60plus.de auch im Internet sowie beim Seniorenbeirat.  Gudrun Stübling verweist dazu auf die Geschäftsstelle am Juri-Gagarin-Ring 60, „nicht nur zum Thema Impfen und Gesundheit im Alter“.