Volkssolidarität


RV Magdeburg-Jerichower Land

Leben zwischen Maschinen und VS-Gruppe

Das erste Lebewesen, das uns in der weiträumigen Werkstatt von Lothar Müller im Ostteil Magdeburgs begegnete, war die Katze Minka. Kurz danach tauchte ölverschmiert der Meister und Firmenchef aus der Tiefe einer Maschine auf, die er gerade mit seinen Söhnen reparierte. Der 59-jährige beobachtet schmunzelnd, wie die Katze um unsere Beine streicht: "Minkas Reaktion auf Besucher ist für mich eine Art Seismograph dafür, ob ich es mit Leuten zu tun habe, die Sympathie und Vertrauen verdienen."

Eine echt "müllersche" Einschätzung. Aber vielleicht ist ja auch etwas Wahres daran. Während sich das Tier behaglich schnurrend von uns kraulen lässt, erzählt der anerkannte Spezialist für polygraphische Maschinen offen über sein Leben: "Mein Alltag ist mit der Arbeit und dem Ehrenamt in der Volkssolidarität total ausgefüllt. Beides gehört zu meinem Dasein, wobei selbstverständlich der Broterwerb im Vordergrund stehen muss. Oft bin ich dienstlich unterwegs. Jedoch zur Silberhochzeit gönnten sich meine Frau und ich eine Urlaubsreise". Aber sie ziehe kräftig mit, betonte er; in der Firma als Buchhalterin und in der Ortsgruppe als aktive Helferin. Und die beiden im Betrieb mitarbeitenden Söhne seien mit 22 und 26 Jahren zwar noch nicht VS-Mitglieder, spielen aber gern bei Senioren-Veranstaltungen mit ihren Instrumenten auf.

Uns interessiert vor allem, wie der Maschinenbauer mit den sprichwörtlich " goldenen Händen" schon in jungen Jahren zur ehrenamtlichen Arbeit in der Volkssolidarität kam. "Bestimmt nicht aus Langeweile", kommt die leicht bissige Antwort.
Nach Lehrabschluss im polygrafischen Gewerbe habe er lange Jahre in der volkseigenen Industrie gearbeitet, unter anderem als Hauptmechaniker im VEB Magdeburger Getränkemaschinenbau. Dort gehörte es fast zur Selbstverständlichkeit, ein gesellschaftliches Ehrenamt zu bekleiden. Lothar Müller entschied sich nicht für den Sport oder die Feuerwehr, sondern im Sinne familiärer Tradition für die Sozial- und Wohlfahrtsarbeit. "Ich könnte aus der Haut fahren, wenn mir Menschen weis machen wollen, vor dem Siebzigsten sei man zu jung für die Volkssolidarität." Er trat mit Mitte Dreißig in seinem Wohngebiet am "Kannenstieg" in die Ortsgruppe ein und fungierte zunächst als Helfer und Zehner-Kassierer. Die Mitglieder schätzten ihn bald ob seiner sozialen "Ader" und seines Engagements. Da war einer, der sich Zeit fürs persönliche Gespräch nimmt, der zuhören, Rat geben, trösten, Hilfe leisten und zudem etwas auf die "Beine stellen" kann.

Zur politischen Wendezeit übernahm er die Leitung der Ortsgruppe 115, obwohl auch in seinem persönlichen Leben neue Aufgaben und Belastungen auf ihn zukamen. Der damals 40-Jährige wagte den Schritt in die Selbstständigkeit. Er gründete eine Reparaturwerkstatt für polygraphische Maschinen mit Fachhandel. Am Stadtrand baute er mit seiner Familie ein Häuschen. Der VS-Gruppe in seinem alten Kiez blieb er treu. Nach wie vor organisiert er mit seinen inzwischen 10 Helfern, einschließlich Ehefrau Viola, für die Gruppe ein vielfältiges Leben mit Vorträgen, Fahrten, dem "Geburtstag des Monats" und dem beliebten Kaffeeplausch, unterstützt Nachbarschaftshilfe und den Besucherdienst für hoch betagte und gebrechliche Mitglieder. Für persönliche Gespräche bleibt ihm meist nur noch die Zeit der Haus- und Straßensammlung, wo er mit den Helfern von Wohnung zu Wohnung geht.