Es kommt immer auf den Standpunkt an

Eberhard Schulreich, Mitglied des Bundesvorstandes der Volkssolidarität und Leiter des Kompetenzzentrums Familie/Kinder/Jugend des Bundesverbandes, setzt sich in seinem Kommentar mit der Armut hierzulande auseinander. Statt "Reförmchen" seien Reformen notwendig, um die soziale Lage zu verbessern.

101213_SchulreichDas Bundesarbeitsministerium sieht sich, das war schon beim missglückten sogenannten "Teilhabepaket" für sozial Bedürftige der Fall, auch bei der augenblicklichen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt als positive Reformer. So sei die Arbeitslosenquote gesunken und gehe voran.

Ja, es ist richtig, dass zum Beispiel in Sachsen seit dem Jahr 2006 die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die von Hartz IV leben müssen, zurückgegangen ist. Doch ist dabei auch das Armutsrisiko gesunken? Mitnichten, denn der Niedriglohnsektor wächst weiter und er soll sogar noch ausgeweitet werden.

Wenn die Väter und Mütter trotz Arbeit, aber nicht von dem, was sie zum Schluss als Geldleistung erhalten, leben können, dann sind alle Maßnahmen unfruchtbar. Sie helfen nicht, die sozialen Missstände in der Gesellschaft zu beseitigen. Ohne Zweifel bleibt dann auch Leipzig weiterhin eine Armutshauptstadt. 27 Prozent der Menschen, die dort leben, gelten als arm. Ganz besonders sind die Kinder und Jugendlichen davon betroffen. Die aktuellen Arbeitslosenquoten zeigen deshalb kein wahres, sondern ein verzerrtes Bild der augenblicklichen Situation.

Viele Familien leben weiterhin in prekären Verhältnissen. Ihre Situation am Rande der Gesellschaft bleibt unverändert. Gerade die Kinder und Jugendlichen leiden unter diesem Armutsmilieu. Auch wenn sie sich bemühen, in unserer Gesellschaft Fuß zu fassen, so sind ihre Aussichten auf Erfolg meist trübe. Chancen für ein besseres Leben sind kaum vorhanden, auch zukünftig nicht. Das bewirkt schon allein das geringe Bildungsniveau vieler Kinder und Jugendlichen aus sozialschwachen Familien. Wie soll man den gesellschaftlichen Anschluss finden, wenn man permanent in das soziale Abseits gedrängt wird?
Das Ergebnis ist Hoffnungslosigkeit.

Man könnte an die Politik viele Fragen stellen, zum Beispiel: Wo gewährleistet man den Kindern wirtschaftliche, kulturelle und soziale Rechte? Oder: Wo wird die Position der alleinerziehenden Mütter und Väter gestärkt?

Nach wie vor leben gerade Alleinerziehende an der Armutsgrenze. Und betrachtet man noch den Streit um das geplante Betreuungsgeld, so macht dies wiederum deutlich, dass Reformen der Regierung stets mit Vorsicht zu betrachten sind. Das Kompetenzzentrum Familie/Kinder/Jugend" des Bundesverbandes lehnt das Betreuungsgeld übrigens ab.

Es gibt nur ein Fazit: Wenn keine grundlegenden Veränderungen am Arbeitsmarkt erreicht werden, wenn die Ausgrenzung sozial Benachteiligter weiter voran schreitet, dann wird das Armutsrisiko in unserer Gesellschaft kontinuierlich zunehmen. Deshalb braucht unser Land Reformen und keine "Reförmchen".

Eberhard Schulreich