Volkssolidarität


Bundesverband e.V.

Pflegeplan des Lebens

Bericht über Austausch zwischen Freiwilligenorganisationen aus Deutschland und den Niederlanden

Vom 6. bis 8. April 2017 hat in der grenznahen niederländischen Stadt Kerkrade eine durch das EU-Programm ERASMUS geförderte Schulung zum Austausch zwischen Freiwilligenorganisationen aus Deutschland und den Niederlanden stattgefunden. Der Titel der durch die Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenorganisationen (BAGSO) und die niederländische Organisation für Klientenräte LOC  organisierten Veranstaltung lautete „Neue Rollen für die Zivilgesellschaft in einer Caring Community -  Innovative Bildung für mehr Lebensqualität und Selbstbestimmung im Alter“.  Teilnehmer für den Bundesverband der Volkssolidarität war Jan Gaubert, Referent für Verbandsarbeit und Freiwilliges Engagement, der für uns über die drei Tage in Kerkrade berichtet:

Gerade im Bereich der ehrenamtlichen und professionellen Pflege haben wir viele Anregungen/Methoden mitnehmen können. Im Mittelpunkt der Schulung stand die Entwicklung eines individuell an die Bedürfnisse von älteren Menschen angepassten „Pflegeplans des Lebens“ (niederländisch: „Zorgleefplan“) im stationären und ambulanten Bereich.

Pflegeplan nach Küchentischgespräch

Unter Einbeziehung des freiwilligen Engagements der Klientenräte, die als Interessenvertreter/innen der zu Pflegenden aktiv sind, wird in den Niederlanden stärker, als das in Deutschland üblich ist, auf die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen Wert gelegt. Das Mitspracherecht von Bewohner/innen der stationären und ambulanten Pflege ist in den Niederlanden gesetzlich garantiert.  Das erklärt deren starkes Mitspracherecht auf innerbetriebliche Abläufe, wie z. B. bei der Essensversorgung. Bei der Gestaltung von Arbeitsprozessen in Pflegeeinrichtungen steht der pflegebedürftige Mensch im Fokus. Bei der Bestimmung des Pflegegrades wird ein individuelles Gespräch, das sogenannte „Küchentischgespräch“,  zwischen der zu pflegenden Person, seinen Angehörigen, Vertretern der Kommune und den ehrenamtlich agierenden Klientenräten geführt. Gemeinsam werden die Abläufe im häuslichen Alltag betrachtet und ein individueller Pflegeplan erstellt.  Vorhandene Fähigkeiten (z. B. Aufstehen, Anziehen, Kaffee zubereiten) werden überprüft, gefördert und die dann notwendige Hilfe (z. B. Haushaltshilfe) gewährt. Durch die gezielte Einbeziehung durch gut geförderte Freiwillige erhält der ältere Mensch zusätzliche Angebote wie z.B. die Begleitung bei Spaziergängen und die Hilfe bei Einkäufen.

Starkes freiwilliges Engagement in den Niederlanden

Die niederländische Zivilgesellschaft ist im europäischen Vergleich mit einer Engagement-Quote von 57 Prozent stark ausgeprägt. (Siehe hierzu auch Zweiter Bericht über die Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements in der Bundesrepublik Deutschland

2016, S. 141: „Daten für europaweite Vergleiche stehen sowohl aus dem Eurobarometer 2011 als auch aus der sechsten Welle des ESS (2012) zur Verfügung. Im Eurobarometer wurde das Engagement im Frühjahr 2011 mit der

Frage ermittelt, ob man derzeit regelmäßig oder gelegentlich einer freiwilligen Tätigkeit nachgehe. In Deutschland berichten 34 Prozent über eine solche Tätigkeit, im Durchschnitt der 27 EU-Länder, in denen die Umfrage durchgeführt wurde, 24 Prozent. Lediglich in neun der Länder sind 30 oder mehr Prozent der Bevölkerung aktiv. Der Wert für Deutschland liegt, wie auch bereits bei der Vorgängerumfrage aus dem Jahr 2006, im oberen Viertel der Nennungen. Vergleichsweise verbreitet ist das Engagement danach in den eher nord- und

mitteleuropäischen Ländern (Niederlande, Dänemark, Finnland, Österreich, Luxemburg, Deutschland). Durchschnittliche Quoten werden in den größeren westeuropäischen Ländern wie Frankreich und Großbritannien erreicht, eher unterdurchschnittliche in den größeren südeuropäischen Ländern wie Spanien oder Griechenland. Eher gering ist das Engagement danach auch in einigen der ost- und mittelosteuropäischen Beitrittsländern wie Polen, Bulgarien und Rumänien (Abbildung 8). Zur Erklärung der Unterschiede liegt zunächst ein Verweis auf die wirtschaftliche Leistungskraft der Länder nahe. So finden sich zum Beispiel nach der Befragung des Eurobarometers 2011 vier der fünf EU-Länder mit

dem höchsten Sozialprodukt pro Kopf in der Spitzengruppe der Länder mit den höchsten Engagementquoten (Luxemburg, Niederlande, Österreich, Deutschland). Allerdings weisen daneben einige wirtschaftsstarke Länder nur durchschnittliche Engagementquoten auf (hier z. B. Schweden und Großbritannien). Zugleich ist nach dieser internationalen Umfrage das Engagement in manchen Ländern mit niedrigem Pro-Kopf-Sozialprodukt vergleichsweise groß (z. B. in Slowenien, Estland und der Slowakei). Daher erklären die Handlungsfreiräume, die sich für Bürgerinnen und Bürger wirtschaftlich erfolgreicher Gesellschaften öffnen, die unterschiedlichen Engagementquoten offenbar nur zu einem kleineren Teil.“)

Das Spiegeltischgespräch als Instrument der Personalführung

Konkrete Handlungskonzepte für Haupt- und Ehrenamtliche wie „Kraft der Begegnung“ verfolgen das Ziel freiwilliges Engagement zu bündeln, um vereinsamten, meist älteren Menschen zu helfen, wieder gesellschaftlichen Anschluss zu bekommen. Dabei spielt der behutsam professionell begleitete Aufbau von Nähe und Vertrauen eine herausgehobene Rolle. Freiwillig organisierte Plattformen helfen auch bei der Schaffung neuer sozialer Netzwerke und dem Erwerb notwendiger Kompetenzen. Das so genannte „Spiegeltischgespräch“ wird als Instrument der Personalführung und der Betreuung von Freiwilligen im Pflegebereich genutzt, um gezielt die Perspektive des zu Pflegenden einzunehmen. Empathie und die tatsächlichen Bedürfnisse und die Beziehung zwischen dem Pflegenden und Gepflegten stehen dabei im Mittelpunkt. Die Gespräche zwischen den zu Pflegenden und dem Personal sowie freiwilligen Helfern finden auf Augenhöhe in Kleingruppen statt, wobei einzelne Vertreter/innen jeder Gruppe sich an einem Tisch gegenübersitzen und Probleme im Kontext der Pflege/Versorgung miteinander besprechen. Der Rest der Gruppe hört zu und erfährt, wie bei einem Spiegel etwas über die Wahrnehmungen, Fehler sowie Verbesserungswünsche. Dem Spiegeltischgespräch schließt sich das „Dialoggespräch“ an dem nun alle im Raum beteiligten, Klienten, Beschäftigte und Freiwillige strittige Punkte diskutieren und über die Geschäftsführung einer Lösung zuführen, um insgesamt das gegenseitige Miteinander in der Pflege zu stärken.

Neben einer sehr kompetenten vergleichenden Vermittlung des niederländischen und des deutschen Wohlfahrtsstaatssystems wurden in der dreitägigen Schulung unterschiedlichste Einrichtungstypen und Teilbereiche von Pflegeeinrichtungen sowie innovative Projekte, wie ein Pflege-Bauernhof besichtigt und konzeptionell dargestellt. Als besonders eindrucksvoll empfanden alle Beteiligten den hohen Standard der niederländischen Pflegeeinrichtungen sowie das starke zivilgesellschaftliche Engagement. Auffällig in der Argumentation für eine individualisierte Pflege war der Kostennutzenfaktor. Es wurde glaubhaft dargestellt, dass mit der Hinwendung auf die Bedürfnisse des Einzelnen bei gleichem Personaleinsatz, Kosten eingespart werden können und  durch zusätzliche Betreuungsangebote die Qualität der Arbeit wächst. Ein anderer wichtiger Aspekt war die Einbindung von Pflegeeinrichtungen in die Quartiere. So lagen die uns präsentierten Einrichtungen gut integriert im Stadtteil und stellten eine Mischform aus stationärer, ambulanter und Tagespflege sowie Seniorenwohnen dar. Der Kantinenbereich glich einem Restaurant, in dem man für ortsübliche Preise günstig zu Mittag und Abend essen kann. Der Umstand, dass durch diesen offenen Bereich eine gewisse Durchmischung der Klientel stattfindet - der Angestellte von der Straße geht hier, wie der zu Pflegende zur Mittagspause - wirkt sich positiv auf den Alltag aus. Eine oft in Pflegeeinrichtungen wahrzunehmende klinische Atmosphäre wird so erfolgreich vermieden.

Weitere Infos zur Schulung gibt es hier: